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FÜR EIN PAAR LIRE MEHR - DER ITALOWESTERN

Text: Bernd Gastner
Layout: Sven Krischan

Teil 4: Die beiden Sergios

Sergio Leone (1922-89) und Sergio Corbucci (1927-90) können getrost als Könige des Genres bezeichnet werden, stellen ihre Filme doch Höhepunkte des Italowesterns dar. Leone, der wie viele seiner Kollegen auch, vom Sandalenkino (Der Koloss von Rhodos, 1960) zum Western gelangte, schuf mit seiner "Dollar - Trilogie" so etwas wie die Quintessenz des Genres. Mit PER UN PUGNO DI DOLLARI (Für eine Handvoll Dollar, 1964), entstanden nach dem japanischen YOJIMBO (1961 von Akira Kurosawa) und dem darauf folgenden PER OUALCHE DOLLARI IN PIU (Für ein paar Dollar mehr,1965) etablierte Leone die Figur des No - Name - Gunfighters, gespielt von Clint Eastwood. In Ersterem verkörpert Gian Maria Volontenoch den Bösewicht, der das Schlußduell gegen Eastwood durch dessen Trick nicht lebend übersteht. Im zweiten Film ist Volonte der von Kopfgeldjägern (Eastwood und Lee van Cleef) gehetzte Outlaw, der den Film nach einem höllisch spannenden Dreierduell aber überleben darf. Klaus Kinski hat hier als Buckliger einen seiner denkwürdigen Auftritte. Cleef und Eastwood agieren auch IL BUONO, IL BRUTO, IL CATTIVO (Zwei glorreiche Halunken, 1966), unterstützt vom herrlich überdrehten Eli Wallach. Die Schlußszenen auf dem riesigen Soldatenfriedhof mit anschließendem Duell der drei Protagonisten, genial untermalt mit Morricones "Ecstasy for gold" - Musiksequenz, gingen in die Filmgeschichte ein. Als Erfinder der extremen Augen Close - up Kameraeinstellungen verzichtet Leone auch hier nicht auf Aufnahmen dieser Art, was sich am Ende von diesem wie auch im nächsten Film zu wahren Höhepunkten steigert.

Mit seinem Epos C'ERA UNA VOLTA IL WEST (Spiel mir das Lied vom Tod, 1968) gelingt Leone dann so etwas wie die italienische Antwort auf die großen US-Western eines John Ford. Charles Bronson, den Leone schon für PER UN PUGNO.. haben wollte, Jason Robards, Claudia Cardinale und der ultrafiese Henry Fonda tragen zum wohl gelungensten Western aus Bella Italia bei. Close-ups von Fondas blauen Augen, als er ohne mit der Wimper zu zucken einen kleinen Jungen abknallt, Morricones schon vor Drehbeginn geschriebene Musik, ein episch - weites Drehbuch (u.a. Dario Argento) sowie wunderbare Bilder des Kameramanns Tonino Delli Colli lassen die Zuschauerherzen höher schlagen. Unvergesslich Szenen wie die fast 20minütige Eröffnungssequenz oder die abschließende Konfrontation zwischen Fonda und Bronson graben sich dem Zuseher geradezu ins Gedächtnis.

Mit GIU LA TESTA (Todesmelodie)aus dem Jahr 1971 nimmt Leone das von Corbucci begonnene Revolutionsthema auf und lässt das Gespann Rod Steiger/James Coburn auf die Leinwand los. Pikanterweise wollte Leone diesen Film zunächst nur produzieren, musste aber nach Protesten seiner Hauptdarsteller die Regie von Giancarlo Santi übernehmen. Diesen Wechsel merkt man dem Endergebnis dann auch an, trotz einiger guter Szenen bleibt GIU LA TESTA hinter den Erwartungen zurück.

Sergio Leone produzierte noch die beiden Terence Hill Comedys MEIN NAME IST NOBODY und « NOBODY IST DER GRÖSSTE, um 1984 seinen letzten Film zu inszenieren: ES WAR EINMAL IN AMERIKA, eine überlange, blutige Gangsterballade.

Auch Sergio Corbucci begann im Sandalenkino (Romolus und Remus, 1961), ehe er mit MINNESOTA CLAY 1964 zum Western kam. Doch seine ersten Versuche fielen eher als billige US-Kopien aus (KEINEN CENT FÜR RINGOS KOPF 1965, DIE GRAUSAMEN 1965, RINGO MIT DEN GOLDENEN PISTOLEN 1966), erst mit NAVAJO JOE (Kopfgeld 1 Dollar, mit Burt Reynolds!) und dem darauf folgenden DJANGO gelang es Corbucci, seinen unverwechselbaren Stil zu finden. Diese Mischung aus bissigem Humor, einer Portion Zynismus, politischen Anspielungen und überraschenden Storylines führt direkt zu seinen beiden Meisterwerken IL MERCENARIO und IL GRANDE SILENZIO (beide 1968). MERCENARIO (Die gefürchteten Zwei) zeigt uns Franco Nero als Söldner Kowalski, der dem Pseudorevoluzzer Paco (Tony Musante) gegen den Oberfiesling Ricciolo (Jack Palance) zur Seite steht. Das Schlußduell mit Paco als Clown verkleidet sollte man gesehen haben. Völlig humorlos dagegen präsentiert sich IL GRANDE SILENZIO(Leichen pflastern seinen Weg),in dem Jean Louis Trintignant als großer Schweiger (ihm wurden als Kind die Stimmbänder durchtrennt) gegen den brutalen Kopfgeldjäger Loco (Klaus Kinski) kämpfen muß. Der recht untypisch im Schnee spielende Streifen bietet dem Zuseher einen nihilistischen und trostlosen Schluß: Silenzio stirbt durch die Kugeln Locos, der ihm vorher noch die Hände durchschossen hat (eine mehr als deutliche Anspielung auf Jesus). Großes Kino, das durch die Musik Morricones noch vertieft wird. Nach GLI SPECIALISTI (Fahrt zur Hölle ihr Halunken,1969),in dem Johnny Halliday und Mario Adorf die Mörder eines Familienmitglieds suchen, inszenierte Corbucci mit der Revolutionsfarce VAMOS A MATAR COMPANEROS (Laßt uns töten, Companeros, 1970) einen weiteren politisch angehauchten Genrestreifen. Der Schwede (Franco Nero) wird von General Mongo engagiert, Professor Xantos (Fernando Rey) zu befreien, der die Kombination eines Safes kennt. Begleitet wird Nero von Basco (Tomas Milian)und beide bekommen großen Arger mit John (Jack Palance),der Regierungstruppen gegen die Aufständischen zu Felde führt. Einen Blick wert ist auch die junge Iris Berben in einer ihrer ersten Filmrollen.

Der Safe übrigens enthält mitnichten haufenweise Dollars, sondern ein symbolisches Weizenkorn, das "den wahren Schatz Mexikos" darstellt.

Es folgten die Bonnie & Clyde - Variante STORIA CRIMINALE DEL FAR WEST (Die rote Sonne der Rache 1972) mit Tomas Milian und Telly Savalas sowie die Samuraikomödie IL BIANCO, IL GIALLO,IL NERO (Stetson - Drei Halunken erster Klasse 1973) mit Giuliano Gemma, Tomas Milian und Eli Wallach. Mit seinem letzten Western kehrte Corbucci wieder zum Revolutionsthema zurück. Leider bleibt CHE C'ENTRIANO NOI CON LA REVOLUZIONE (Bete Amigo,1973) mit Vittorio Gassman und Paolo Villaggio besetzt, hinter seinen Vorgängern zurück. In der Folgezeit drehte Corbucci noch einige Hill/Spencer - Comedys und arbeitete auch immer wieder fürs Fernsehen, ehe er am 1.12.1990 starb. Auf Francesco Rosis Frage, ob er sich nicht schämen würde, immer wieder so schlechte Filme zu machen, antwortete Sergio Corbucci: "Ja, ich schäme mich, aber wenn ich zur Bank gehe und mein Geld abhole, schäme ich mich nicht mehr."

Weitere Highlights aus der Spaghettiwesternecke, die das Ansehen lohnen:

IL MOMENTO DI UCCIDERE (Django - Ein Sarg voll Blut, 1968 von A. Ascott)

SE SEI VIVO, SPARA (Töte, Django!, 1967 von Giulio Questi)

CIMITERO SENZA CROCI (Friedhof ohne Kreuze, 1968 von Robert Hossein)

JOKO IN VOCA DIO - E MUORI (Fünf blutige Stricke, 1969 von A.M. Dawson)

OGGI A ME, DOMANI A TE (Stoßgebet für einen Hammer, 1968 von Gino Cervi)

I LUNGHI GIORNI DELLA VENDETTA(Der lange Tag der Rache, 1966 von F. Vanzini)

UN DOLLARO BUCATO (Ein Loch im Dollar, 1965 von G. Ferroni)

MATALO! MATALO! (Willkommen in der Hölle, 1970 von Cesare Canevari)

REQUIESCANT (Mögen sie in Frieden ruhn, 1966 von Carlo Lizzani)

E DIO DISSE A CAINO(Satan der Rache, 1969 von Anthony M. Dawson)

I GIORNI DELL'IRA (Der Tod ritt Dienstag, 1967 von Tonino Valerii)

Literatur zum Thema:

  1. WESTERN LEXIKON von Joe Hembus
    Kurze Inhalts- und Stabangaben, zum Nachschlagen geeignet.
  2. SPAGHETTI WESTERNS von Christopher Frayling
    Sehr genaue Studie (auf englisch),mit vielen Hintergrundinfos
  3. SPAGHETTI WESTERNS - THE GOOD, THE BAD, THE VIOLENT von Thomas Weisser
    Unverzichtbares Lexikon zum Genre (auf englisch),mit 558 liebevoll besprochenen Filmen und tollem Registerteil
  4. UM SIE WEHT DER HAUCH DES TODES Hrgs. vom Studienkreis Film
    Essaysammlung mit Interviews (Nero, Castellari), Register mit Fehlern
  5. ONCE UPON A TIME IN THE WEST von Michael Kraus
    Fanbuch mit 180 Besprechungen