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Die Charlie Chan Filme

Text: Bernd Gastner
Layout: Sven Krischan

Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als im 3. Programm um 19h diese alten s/w - Krimis zu sehen waren, in denen ein leicht verschrobener orientalischer Detektiv namens Charlie Chan seine Fälle löste.
Keinen habe ich verpasst, mich köstlich über Chans Weisheiten wie "Alibi verschwindet wie Loch in Wasser" amüsiert und die obligatorische Schlußversammlung mit anschließender Entlarvung des Täters bestaunt.
Mit seiner Behäbigkeit und Ruhe geht dieser geniale Schnüffler auf die Spur der Bösewichter, dabei häufig unterstützt durch Sohn Nummer 1, der mit seinen vorschnellen Entscheidungen den Vater mehr als einmal auf die Palme bringt.
Ähnlich wie Inspector Columbo wird auch Chan oft unterschätzt, nicht für voll genommen, der oder die Täter begehen damit aber einen fatalen Fehler, wie sich bald herausstellt. Gerade durch seine ruhige, beharrliche Art gelingt es Chan immer, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen und eventuell fälschlich Verdächtigte zu entlasten.
Die meist etwas über 1 Stunde laufenden Verfilmungen sind ein typisches Produkt ihrer Entstehungszeit, als in Hollywood noch klar zwischen A und B Filmen unterschieden wurde.
Das produzierende Studio, 20th Century Fox (bis 1942, dann übernahm das Billigstudio Monogram die Rechte) stattete die Chanfilme zwar mit einem ordentlichen Budget aus sowie mit vielen populären Gaststars, dennoch sind die vorhandenen Beschränkungen deutlich erkennbar.
Routinierte Regisseure wie Norman Foster (1900 - 1976) oder H. Bruce Humberstone (1903-1984) lieferten gute Ware ab, wenn sich auch die Stories oft ähnelten. Immer wieder werden Mordanschläge auf Chan verübt (die er ebenso häufig ohne einen Kratzer übersteht), ein Liebespaar findet am Ende zueinander, ein Unschuldiger wird verdächtigt, ein erkennbar böser Junge entpuppt sich als vollkommen tatunbeteiligt und allzu oft (geht im Finale kurz das Licht aus, um dem Haupttäter eine (scheinbare) Fluchtmöglichkeit zu bieten.
Dennoch, oder gerade deswegen, bleiben die Charlie-Chan - Streifen grundsolide, spannende und komische Unterhaltung, die auch heutzutage nichts von ihrem unschuldigen Charme verloren haben.

VORGESCHICHTE
Bei Recherchen zu einem Roman war der amerikanische Krimiautor Earl Derr Biggers (1884 - 1933) 1923 in den Zeitungen von Honolulu auf Berichte über zwei chinesische Detektive, Chang Apana und Lee Fook, gestoßen, die auf Hawaii einige sensationelle Fälle gelöst hatten. E. D. Biggers verband diese Vorbilder mit einer in den 20er Jahren allgemein verbreiteten Vorliebe für Exotik zu Charlie Chan." (Georg Seeßlen, MORD IM KINO)
Seinen ersten literarischen Auftritt hatte Chan 1925 in THE HOUSE WITHOUT A KEY, allerdings noch als Nebenfigur. Die Leser einer Zeitung, wo der Roman vorab als Serie veröffentlicht wurde, verlangten nach mehr, so entstand mit THE CHINESE PARROT das erste echte Charlie Chan Buch.

AUF DER LEINWAND
Schon 1926 drehte der Serialprofi Spencer Gordon Bennet (1893 - 1987) einen 10-Teiler nach THE HOUSE WITHOUT A KEY, in dem der von George Kuwa gespielte Chan leider allzu sehr im Hintergrund agierte.
Bei THE CHINESE PARROT (1928) war der vom Japaner Kamiyana Sojin verkörperte Chan endlich die Hauptfigur, Regie führte der Deutsche Paul Leni (1885 - 1929).
1929 rückte die Figur in BEHIND TRAT CURTAIN wieder an den Fand der Story, E. L. Park ist hier der dritte Darsteller, die Regie besorgte Irving Cummings (1888 - 1959).

DIE SERIE
Erst mit dem in Schweden geborenen Schauspieler Warner Oland (1880 - 1938) avancierte Charlie Chan zu einer überaus populären Filmfigur. Oland, vorher nur in Nebenrollen als Verbrecher oder orientalischer Fiesling aufgefallen, verlieh dem Detektiv endlich genügend Tiefe und Ausstrahlung. Er spielte von 1929 bis 1931 dreimal den Dr. Fu Man Chu und bedrohte Marlene Dietrich in Josef von Sternbergs SHANGHAI EXPRESS (1932).
In seinem ersten von insgesamt 16 Auftritten als schrulliger Detektiv, CHARLIE CHAN CARRIES ON(1931, von Hamilton MacFadden) hat er eine Mordserie während einer Schiffskreuzfahrt zu lösen. Schon mit diesem Film werden die gängigen Formeln der Reihe festgelegt, so Chans Aphorismen, die romantische Nebenhandlung und die finale Versammlung samt Enttarnung des Täters.
Mit THE BLACK CAMEL (wieder von MacFadden) kam aufgrund des großen Erfolgs noch im selben Jahr ein Nachfolger in die Kinos. Erstmals tritt ein bekannter Gaststar auf, der damals weithin als Draculadarsteller berühmte Bela Lugosi (1882 - 1956).
Da weitere Bücher von Derr Biggers nicht vorlagen, waren die beiden nächsten Filme, CHARLIE CHAN'S CHANCE (1932, von John G. Blystone) und CHARLIE CHAN'S GREATEST CASE (1933, von H. MacFadden) nur Remakes von BEHIND THAT CURTAIN und HOUSE WITHOUT A KEY. Auch CHARLIE CHAN'S COURAGE (1934, von G. Hadden und E. Forde) war nur eine Wiederbelebung der CHINESE PARROT - Vorlage, zudem verstarb Derr Biggers 1933, so waren keine neuen Romane mehr zu erwarten.

AUF REISEN
Die Formel der Reihe wurde dahingehend erweitert, daß Chan nun durch die Welt reist und somit jeder Fall bzw. Film einen anderen Schauplatz zu bieten hatte.
Es begann mit CHARLIE CHAN IN LONDON (1934, von Eugene Forde mit Ray Milland), gefolgt von CHARLIE CHAN IN PARIS (1935, von Lewis Seiler), wo Keye Luke (1904 - 1999) als Sohn Nummer 1 seinen ersten Auftritt absolviert.
Doch schon bei CHARLIE CHAN IN EGYPT (1935, von Louis King) ist der Sohn wieder verschwunden, statt dessen assistiert ein überängstlicher Schwarzer namens Snowshoes dem Superdetektiv, dargestellt von Komiker Stepin Fetchit (1892 - 1985).
Bei CHARLIE CHAN IN SHANGHAI (1935, von James Tinling) ist Sohn Numero Uno wieder mit an Bord und sorgt mit seiner Tolpatschigkeit für mehr als einen Lacher.
Weiter geht's mit CHARLIE CHAN'S SECRET (1936, von Gordon Wiles), CHARLIE CHAN AT THE CIRCUS (1936, von Harry Lachman), CHARLIE CHAN AT THE RACE TRACK (1936, von H. Bruce Humberstone), CHARLIE CHAN AT THE OPERA (1936, von H. B. Humberstone mit Boris Karloff), CHARLIE CHAN AT THE OLYMPICS (1937, von H. B. Humberstone), CHARLIE CHAN ON BRODWAY (1937, von Eugene Forde mit Lon Chaney jr.) und CHARLIE CHAN AT MONTE CARLO (1937, von E. Forde).

DER NEUE
1938, während der Dreharbeiten zu CHARLIE CHAN AT THE FIGHTS, starb überraschend Warner Oland, der Film mußte umgeschrieben werden und diente als Vorlage für einen Teil der MR. MOTO - Serie (siehe Anhang).
Obwohl Oland eigentlich nicht zu ersetzen war, suchte die Fox fieberhaft nach einem neuen Chan, um die so erfolgreiche Reihe fortzuführen.
Es wurden Schauspieler wie Noah Beery oder Charlie Lang getestet, schließlich fiel dieWahl auf Sidney Toler (1874 - 1947), der bisher nur in kleinen Nebenrollen zu sehen war.
Im ersten "neuen" Chanstreifen, CHARLIE CHAN IN HONOLULU (1938, von H. B. Humberstone) übernimmt Sohn Nummer 2 den komischen Sidekick, dargestellt von Victor Sen Yung (1915 - 1980), der später als chinesischer Koch in der Westernserie BONANZA großen Erfolg haben sollte.
Toler erwies sich als würdiger Nachfolger und konnte in den folgenden 21 Filmen auch sein komödiantisches Talent unter Beweis stellen, wenn auch die Stories zunehmend ins Phantastische oder simple Spionagethemen abglitten. Auf CHARLIE CHAN IN RENO (1939, von Norman Foster) folgte im selben Jahr vom gleichen Regisseur CHARLIE CHAN AT TREASURE ISLAND, der als einer besten Filme der Serie gelten darf.
Herbert Leeds drehte 1939 CHARLIE CHAN IN THE CITY OF DARKNESS, der bewährte Foster 1940 CHARLIE CHAN IN PANAMA und Eugene Forde im gleichen Jahr CHARLIE CHAN'S MURDER CRUISE, der mit Lionel Atwill (1885 - 1946) einen weiteren Horrorstar präsentieren kann.
Phantastische Elemente stellt CHARLIE CHAN AT THE WAX MUSEUM (1940, von Lynn Shores) in den Vordergrund, während in MURDER OVER NEW YORK (1940) und DEAD MEN TELL (1941, beide von Harry Lachman) wieder der normale kriminalistische Plot dominiert.
Die beiden letzten Chanstreifen der Fox waren dann 1941 CHARLIE CHAN IN RIO und 1942 CASTLE IN THE DESERT, beide wieder von Harry Lachman inszeniert.

UNTER NEUER LEITUNG
2 Jahre später erwarb die auf B - Ware spezialisierte Firma Monogram die Rechte an der Figur, holte Sidney Toler aus dem Ruhestand und begann mit deutlich geringeren Budgets eine Neubelebung der Serie.
Schon im ersten Monogramfilm, CHARLIE CHAN IN SECRET SERVICE (1944, von Phil Rosen) muß Chan ganz patriotisch gegen böse Nazi-Agenten kämpfen. Unterstützung findet er dabei durch Sohn Nummer 3 (Benson Fong) und "Snowshoes" - Vertreter Birmingham Brown (Mantan Moreland), die beide in fast allen weiteren Streifen mitwirken sollten.
Weiter geht's mit THE CHINESE CAT (1944, von Phil Rosen, der auch die nächsten 5 Filme inszenierte), CHARLIE CHAN IN BLACK MAGIC (1944), THE JADE MASK (1945), THE SCARLET CLUE (45), THE SHANGHAI COBRA und THE RED DRAGON (beide 1945). Phil Karlson drehte 1946 DARK ALIBI, Terry Morse übernahm zweimal bei SHADOWS OVER CHINATOWN und DANGEROUS MONEY (beide 1946) die Regie. Mit THE TRAP (1947, von Howard Bretherton) lieferte Sidney Toler , der im selben Jahr starb, seine letzte Chan - Darstellung ab.
Roland Winters (1904 - 1989), der Chan schon in einer Radioserie verkörperte, wurde für die letzten 6 Verfilmungen Monogramms engagiert. Leider konnten diese Streifen nicht das hohe Niveau halten, was vor allem an weiteren Budgetbeschränkungen und fehlenden Drehbuchideen gelegen haben mag.
Regieroutinier William Beaudine (1892 - 1970) drehte allein 4 der 6 Filme, nämlich THE CHINESE RING(1947), THE SHANGHAI CHEST, THE MYSTERY OF THE GOLDEN EYE und THE FEATHERED SERPENT (alle 1948). Derwin Abrahams lieferte DOCKS OF NEW ORLEANS (1948) und Lesley Selander den letzten Teil der Serie, SKY DRAGON (1949), ab.
Damit wechselte die populäre Figur zum amerikanischen Fernsehen, wo J. Carrol Naish (1900 - 1973) ab 1956 39mal Charlie Chan verkörperte. 1971 brachte Universal CHARLIE CHAN : HAPPINESS IS A WARM CLUE (von Leslie Martinson) heraus, der als Pilotfilm für eine neue Serie gedacht war, zu der es aber mangels Erfolgs nie kam.
Eine Zeichentrickserie aus dem Hause Hanna - Barbera folgte von 1972 bis 1974, in der alle 10 Kinder ihrem berühmten Vater bei der Auflösung kniffliger Fälle zur Seite standen.
Einen parodistischen Auftritt absolvierte Chan in der Person von Sidney Wang (Peter Sellers) in der Krimifarce MURDER BY DEATH (Eine Leiche zum Dessert, 1975 von Robert Moore).
Peter Ustinov versuchte 1981 in Clive Donners THE CURSE OF THE DRAGON QUEEN (Charlie Chan und der Fluch der Drachenkönigin) eine Neubelebung, allerdings versinkt der Film in gepflegter Langeweile.

WEITERE ORIENTALISCHE DETEKTIVE

MR.MOTO (dargestellt von Peter Lorre) in:
THINK FAST, MR. MOTO (1937 von Norman Foster)
THANK YOU, MR. MOTO (1937, N. Foster)
MR. MOTO'S GAMBLE (1938, von James Tinling)
MR. MOTO TAKES A CHANCE (1938, N. Foster)
THE MYSTERIOUS MR. MOTO (1938, N. Foster)
MR. MOTO'S LAST WARNING (1939, N. Foster)
MR. MOTO IN DANGER ISLAND (1939, von Herbert Leeds)
MR. MOTO TAKES A VACATION (1939, N. Foster)

MR. WONG (dargestellt von Boris Karloff) in:
MR. WONG, DETEKTIVE (1938, von William Nigh)
MR. WONG IN CHINATOWN (1939, W. Nigh)
THE FATAL HOUR (1940, W. Nigh)
DOOMED TO DIE (1940, W. Nigh)
PHANTOM OF CHINATOWN (1941, von Phil Rosen, ohne Karloff, dafür mit Keye Luke als Sohn von Mr. Wong)

LITERATUR:
Massimo Moscati: Comics und Film, Ullstein Verlag
Georg Seeßlen: Mord im Kino, Rowohlt Verlag

Bildquelle: Internet